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Christine Hamel

Kulissenschieberei am Pazifik Wladiwostok vor dem APEC-Gipfel

2012 | Radio
About the project

Der Ferne Osten ist so etwas wie Russlands Hinterhof. Millionen Menschen haben die Region seit dem Kollaps der Sowjetunion verlassen, die Industrie ist weitgehend zusammengebrochen, es gibt keine Arbeit, keine Perspektive, das Klima ist rau. Die Stimmung ist schlecht bis verzweifelt an Russlands Rand in Fernost. Eine Region, die Moskau Kopfzerbrechen bereitet. Eine Region auch, in die immer mehr Chinesen einwandern und Geschäfte betreiben. Voller Sorge beobachten russische Politiker die Entwicklungen am Pazifik und bangen um Russlands territoriale Einheit.
Ein mächtiges Zeichen nationaler Selbstbehauptung sollte die APEC-Konferenz sein, die im September 2012 in Wladiwostok stattfand und die ganze Region aufwerten soll. Der Gipfel des asiatisch-pazifischen Wirtschaftsforums - eine riesige PR-Maschine, in die Moskau 16 Milliarden Euro gepumpt hat. Zwei Jahre war in Wladiwostok und auf der Russkij-Insel der Bau. Ein milliardenschweres Verschönerungsprogramm. Über den östlichen Bosporus wurde die längste Schrägseilbrücke der Welt gespannt, doch die Bewohner Wladiwostoks meinen, sie schwinge sich an den Anforderungen der Stadt in weitem Bogen vorbei. Die Reportage berichtet von den Anstrengungen des Kreml, einer Region wieder Leben einzuhauchen. Und sie holt die Stimmen der Menschen ein, die sich vergessen und verlassen fühlen und hinter aller offiziellen Betriebsamkeit strategische und politische Interessen ausmachen, von denen sie selbst nicht profitieren.

BR Nahaufnahme
Regie: Christine Hamel
Redaktion: Heinz Gorr
Produktion: BR2 2012
Länge: 27:30
Erstausstrahlung: 07.09.2012

Es sprechen: Christine Hamel, Peter Weiß, Sabine Kastius, Johannes Hitzelberger, Jerzy May, Jennifer Güzel

About the research

Drei Wochen war ich in Russlands Fernem Osten und im Nordosten Chinas unterwegs. Es ist ein riesiges Gebiet und zu Beginn meiner Reise hatten die Entfernungen fast einschüchternde Wirkung. Eine genaue Planung war kaum möglich, da es wenig gute Straßen gibt und man nie abschätzen konnte, wie viel Zeit eine Fahrt in Anspruch nehmen würde. 200 Kilometer konnten einen ganzen Tag dauern. Die fehlende Planungssicherheit hat für eine große Offenheit gesorgt, es gab eine grobe Richtung, aber alles andere musste sich so oder anders ergeben.

Auftakt der Reise war Wladiwostok, wo ich nach einem russisch-chinesischen Paar gesucht habe, das ich ins Zentrum meines Features stellen wollte. Ich hatte bereits aus Deutschland Kontakt zu einer Journalistin aufgenommen, die mir bei der Suche geholfen hat.

Nina kannte auch einen Fahrer, der mich zum Dreiländereck Russland-Nordkorea-China begleiten konnte. Sergej und ich brachen in den frühen Morgenstunden auf und fuhren einen ganzen Tag lang durch leicht gewellte Hügellandschaften bis an die Grenze zu China und Nordkorea. Unterwegs sammelte ich Bilder, Eindrücke, Stimmen und Geräusche. Außer den Siedlungen für die Familien der Grenzer gab es keine Orte, wir waren in menschenleerer Gegend unterwegs.

Für größere Entfernungen wie etwa von Wladiwostok nach Chabarowsk oder nach Blagoweschtschensk nahm ich den Nachtzug. Noch fast ein jeder, mit dem ich auf diesen Fahrten ins Gespräch kam, erzählte, wie teuer, beschwerlich und trostlos das Leben im Fernen Osten sei. Es waren gerade Präsidentschaftswahlen und ich traf auf meiner Reise niemanden, der für Putin stimmen wollte. Die Menschen sind sehr empört über die Politik des Kreml, der sie in ihren Augen vergessen hat. Ohne Chinesen, das hörte man oft, gäbe es kein Überleben im Fernen Osten.

Andererseits fühlen sich viele Menschen dem dynamischen Wirtschaften der Chinesen unterlegen und hilflos ausgeliefert. Das Gespräch mit Russen stellte sich meist ohne große Mühe ein, Chinesen indes gaben sich oft abwehrend, wenn sie das Mikrophon sahen. Die Chinesen beherrschen die Märkte im Fernen Osten, sie sind vor allem Kleinhändler, aber auch Waldarbeiter oder Bauarbeiter. Die meisten verstehen ein paar Worte Russisch, wenige sprechen die Sprache. In den größeren Städten suchte ich mir immer wieder Fahrer, mit denen ich zur Grenze aufbrach. Viele kleine Orte sind nahezu verlassen; zu Sowjetzeiten lebten Armeeangehörige in dieser Gegend, die heute längst weggezogen sind. Der Grenzübertritt war schließlich in Blagoweschtschensk möglich und in Heiho, auf der anderen Seite des Amur, war plötzlicher Westen im Nordosten Chinas. Heiho ist eine Grenzstadt, die sich ganz auf die Bedürfnisse der Russen eingestellt hat, es gibt Geschäfte, Supermärkte und Restaurants im Überfluss. Mit dem Bus bin ich dann durch die Mandschurei bis nach Harbin gefahren, eine in ihrem architektonischen Kern noch russisch geprägte Stadt. Gesprächspartner fand ich an der Universität, an der viele Russen Chinesisch studieren.

  • Autorenfoto Christine Hamel
    Christine Hamel studierte Politologie, Germanistik, Italianistik und "Russisch für Nicht-Slawisten" in Florenz, London und München. Sie arbeitet als Autorin und Moderatorin für den Bayerischen Rundfunk in München. Seit 1990 ist der Fokus ihrer...